Zukunft

 

 

Wenn ich an den Kiesgruben vorbeigehe, weht der Wind durch die Bäume, wie er es schon damals gemacht hat, als die Kiesgruben, der Wald, der Bach und die Wiesen unser Spielplatz waren. Wir kümmerten uns nicht um die Zukunft, jetzt war wichtig. Es war die Zeit wo die Leute alles Alte wegschmissen. Überall gab es Schutthalden. Bei uns hieß das nur: „gieh ma heute uff´m Schutt?“ Sieger war wer die meisten Feuerzeuge gefunden hatte. Auch Petroleumlampen mit Glasschirm standen hoch im Kurs. Fahrräder mit Karbidlampen waren ebenso begehrt. In der neuen Zeit, in der es allen bessergehen sollte, trennte man sich von dem alten Plunder und stellte sich nun Schrankwände aus billigem vergifteten Pressspan und allerlei neue technische Geräte in die Wohnungen.

 

Wir rannten unterdes den Kiebitzen nach, die uns mit allerlei Raffinessen von ihren Nestern weglocken wollten. Spannend war es dann die Jungen aufwachsen zu sehen. Die „Großen“ zeigten uns wie man mit bloßen Händen Bachforellen fangen kann.: „Blitzschnell mit beiden Händen unter überhängende Steine greifen und die Fische ans Ufer werfen“. An den Teichen setzte im Frühjahr die Laichzeit der Kröten ein. Es waren Tausende. Manchmal konnte man gar nicht die Wege an den Teichen benutzen. Im Juni war dann das Konzert der Wasserfrösche zu hören. Eines der besten Schlaflieder. Wenn ich zur Schule ging begleitete mich der Gesang der Feldlerchen und auf unserem Schlittenberg mit der Todes-, oder Teufelsschlucht, balzten die Fasanenhähne. Der Schäfer trieb seine Schafe durch das ganze Dorf auf die Wiesen in der Umgebung. Zurück blieben dann deren „Hinterlassenschaften“. Spannend war auch die Entdeckung eine Schwalbenschwanzraupe im Garten. Zu unserem Nachbargarten war alles so dicht bewachsen das sogar einmal ein Pirol in einer unserer Apfelbaumunterlagen, die inzwischen ein baumartiges Gestrüpp geworden war, ein kunstvolles Nest gebaut hatte. In den Spalierbirnen brüteten in zwei verschiedenen Etagen ein Buchfinkenpärchen und ein Grünfinkenpärchen. Der Buchfink fütterte auch zwischendurch die Grünfinken. Das musste fotografisch festgehalten werden. Das war doch klar. Sache war auch wenn sich im Winter die Rebhühner einstellten, weil in der freien Flur der Nahrungserwerb zu schwierig wurde.

 

Dann kam die Zeit als von allerhöchster Stelle ein Plan zur Intensivierung der Landwirtschaft ausgearbeitet wurde. Wir hatten bisher zwar immer genug zu essen und konnten die Folgen nicht einschätzen. Vater opponierte als Naturschutzbeauftragter: „was wird aus den Orchideen, aus dem Laubfrosch, den Wiesenbrütern?“, aber was können Einzelne bewirken, wenn es allen bessergehen sollte? Als Antwort auf solche Einwände kam die Antwort, wie schön doch so ein schnurgerader Graben aussähe. Und auch:“frass´n wullt´r o“.                  

 

Nachdem die Erlen am Bach abgesägt wurden, sprengte man die Wurzelstöcke aus der Erde, dass sie bis in den Wald flogen. Ich war stolz noch einige Zündkapseln gefunden zu haben. Hinter den abgelagerten Betonhalbschalen, die auf ihre Verlegung in einen eben diesen schnurgeraden Graben warteten, konnte ich mich gut verstecken um nach der Dämmerung die Rehe zu beobachten, die aus dem Wald auf die Wiese raustraten um zu äsen. Manchmal machten sich die Eltern schon Sorgen, wo ich denn bliebe. Die ersten Folgen durch die Melioration für mich, war der Verlust des Schwimmrasens wo ich mal eine Maus gefangen hatte und sie im Taschentuch mit nach Hause mitnehmen wollte. Bloß die Maus wollte nicht und hatte sich kurzerhand wieder freigenagt. Und die große Lichtung kam mir zum Fehlen, wo ich von einer schrägen Fichte aus, unsere Landschaft gezeichnet hatte.

 

Und heute? Jetzt leben wir in der damaligen Zukunft. Der Wind weht durch die Bäume, wie er es schon immer getan hat. Der Schäfer mit seinen Schafen ist schon lange verschwunden. Auch die kleinen Geschäfte wo wir unsere Spielsachen, Schulmaterialien, unsere Faschingskleider, Schuhe und Anziehsachen gekauft hatten, gibt es nicht mehr. Die zahlreichen Lebensmittelläden sind auf wenige reduziert.

 

Kiebitz, Rebhuhn, Fasan? Wir werden sie unseren Kindern nicht mehr zeigen können. Bachforellen? Auch diese nicht. Unsere Bäche und Flüsse sind trotz der wichtigen Abwasserkläranlagen, die überall errichtet worden sind in keinen guten Zustand. Das Grundwasser zeigt zunehmend erhöhte Nitratwerte. Auch die Vielfalt unsere Vogelwelt der Kleinvögel hat stark gelitten. War es zuerst der Rückgang der Dichte der Arten, sind inzwischen auch einzelne Arten ganz verschwunden. Der allgegenwärtige Sperling auf der „roten Liste“? Die "rote Liste" die den Rückgang der Arten dokumentiert? Heute Realität. Das Insektensterben von den Medien plötzlich entdeckt dokumentieren die Fachleute schon lange. Und Politiker sprechen in Hinblick auf diese Tatsachen und auf die Auswirkungen auf den Naturhaushalt von Hysterie.

 

Und die Zukunft? Der Wind wird immer noch wehen wie er es schon immer getan hat und doch wird es nie wieder so sein. Wenn wir weiter die Erfüllungsgehilfen von Lobbiisten gewähren lassen wird sich das Artensterben beschleunigen. Mit allen Auswirkungen auch auf die Bevölkerung. Noch ein halbes Jahrhundert und was werden die Enkel erleben? Wie viel hält der Naturhaushalt noch aus, von dem wir alle abhängen? 

 

…Ohne uns machtgeile Menschen wird sich wieder ein intakter Naturhaushalt mit funktionierenden Ökosystemen aufbauen und der Wind wird wieder durch die Bäume wehen wie er es schon immer getan hat….